Berlin muss Freiheit aushalten

Berlin Oberbaumbrücke
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Autofrei. Werbefrei. Wirklich?

Hinter manchen aktuellen Initiativen steht wieder einmal die Vorstellung, eine gute Stadt müsse vor allem eines sein: frei von allem, was ihre Initiatoren stört.

Autofrei. Werbefrei. Reizarm. Konfliktarm.

Die Gedanken dahinter sind nicht abwegig. Im Stau stehen nervt. Blöde Werbesprüche sind unerquicklich. Vermüllung ist ärgerlich. Rücksichtslosigkeit stört. Mich übrigens auch.

Berlin ist kein Showroom

Unsere Hauptstadt braucht Ordnung, Sicherheit, Sauberkeit, Verlässlichkeit. Daran kann vernünftigerweise kaum ein Zweifel bestehen.

Nur ist Berlin kein steriler Testraum, in dem alles ästhetisch sortiert und möglichst konfliktfrei aufeinander abgestimmt wird. Die Stadt ist ein sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Organismus. Menschen arbeiten, liefern, kaufen ein, besuchen einander, fahren irgendwohin, küssen sich auf Parkbänken, stehen im Weg und gehen einander auf die Nerven. Genau daraus entsteht jene Mischung, die wir Stadt nennen.

Wer all das nur noch unter dem Aspekt der Störung betrachtet, landet irgendwann bei einem Berlin, das zwar gut gemeint ist, aber seltsam lebensfern wirkt.

Was mich an „Berlin autofrei“ stört

Die „-frei“-Debatten reagieren auf reale Zustände. Nur wird zulässige Kritik nicht automatisch dadurch zu guter Politik, dass sie sich ein radikales Etikett gibt.

Bei „Berlin autofrei“ geht es eben nicht bloß um bessere Verkehrsführung oder weniger Falschparker. Es geht um einen tiefen Eingriff in individuelle Mobilität und persönliche Freiheit. Und da bin ich raus.

Ich bin dankbar, Auto fahren zu dürfen. Ich fahre damit zu Terminen, bringe meine Kinder irgendwohin oder erledige Einkäufe. Ich fahre aber auch gern Rad. Und ja, E-Scooter können, richtig eingesetzt, sogar ziemlich Laune machen. Ich nutze auch den ÖPNV, wenn das sinnvoll ist. Und manchmal gehen wir mit dem Bollerwagen zu Fuß zum Supermarkt, weil ich abends meinen Parkplatz in der Straße schlicht nicht verlieren will. Genau diese Freiheit ist doch das Gute: mal so, mal so.

Was ich ganz sicher nicht will: Anträge stellen und mich dafür rechtfertigen müssen, warum ich heute mit dem Auto fahren möchte – nach der Gesetzesvorlage zunächst zwölfmal im Jahr, später nur noch sechsmal.

Und noch etwas: Wer so ein neues Bürokratiemonster aufbauen will, sollte auch erklären, wie eine ohnehin mit Vollzugsdefiziten geschlagene Berliner Verwaltung das alles bewältigen soll. Wer prüft das? Wer genehmigt das? Wer kontrolliert das? Wer entscheidet über Millionen Einzelfälle?

Ja, Staus nerven. Falschparker auch. Rücksichtslose Autofahrer ebenso. Mich nerven allerdings auch Radfahrer, die im Dunkeln ohne Licht oder notorisch über Rot fahren, als gälten Verkehrsregeln immer nur für die anderen. Die Losung müsste deshalb eigentlich lauten: besseres Miteinander statt ständiges Gegeneinander. Gute Verkehrsführung statt ideologischer Kulturkampf auf der Straße.

Würde dieser Gesetzentwurf der Anti-Auto-Aktivisten im Herbst Wirklichkeit, führte das weder zu pünktlicheren Lieferfahrzeugen noch zu einer besser funktionierenden Verwaltung und schon gar nicht zu einer Stadt, die im Alltag vernünftiger organisiert wäre.

Was mich an „Berlin werbefrei“ stört

Auch bei „Berlin werbefrei“ wird für mein Gefühl das Verbot romantisiert, während Alltag und gesellschaftlicher Wandel einfach ausgeblendet werden. Denn die Initiative will ja nicht jede Werbung abschaffen, sondern vor allem großflächige und digitale Außenwerbung im öffentlichen Raum zurückdrängen.

Ich konsumiere Außenwerbung grundsätzlich gern. Ich erfahre von neuen Filmen, Veranstaltungen, Produkten und Ideen. Eine Inspirationsquelle im echten Leben. Wenn sie für mich nicht relevant ist, blende ich sie aus. Werbereaktanz ist schließlich keine Krankheit, sondern ein ganz normaler Schutzmechanismus.

Die „Berlin werbefrei“-Motive mit dem grimmigen Bären und „Werbung? Nö!“ hängen inzwischen selbst an Laternenmasten. Auch das hat eine gewisse Berliner Ironie: Eine Initiative gegen Werbung startet erst einmal als Werbekampagne.

Und ehrlich gesagt: Eine moderne digitale Fläche, die aus der Ferne bespielt und jederzeit mit neuen Inhalten aktualisiert werden kann, wirkt auf mich deutlich zeitgemäßer als sich wellende, mit Kabelbindern händisch festgezurrte Plakate an Laternenmasten.

Und noch etwas: Wer digitale Werbung massiv einschränken will, muss auch erklären, wie darüber bislang querfinanzierte öffentliche Infrastruktur künftig bezahlt werden soll, wie Sichtbarkeit auch für kleinere Werbetreibende erhalten bleibt und warum die zahllosen privaten Bildschirme unserer Zeit mit ihren algorithmisch kuratierten Inhalten als Fortschritt gelten, digitale Werbeflächen im öffentlichen Raum aber plötzlich als kultureller Rückfall behandelt werden.

Gute Werbung kann eine Stadt aufwerten

An dieser Stelle sei mir noch ein Gedanke zur aktuellen Stadtwerbung gestattet, der gar nichts mit „Berlin werbefrei“ zu tun hat, aber trotzdem einmal überdacht werden sollte.

Über Jahre hat mir ein Satz der Berliner Städtewerber immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert, dem ich am Autobahnausgang Reinickendorf Richtung Hamburg auf einer Werbetafel begegnet bin:

„Kommen Sie mit Ihren Kindern nach Berlin. Die sind später sowieso hier.“

Das war klug, witzig, selbstbewusst und sogar stimmig. Gute Werbung kann genau das leisten: eine Stadt aufwerten, ihre Eigenart auf den Punkt bringen, Selbstbewusstsein transportieren.

Umso mehr irritieren mich heute jene flapsigen, kleinen, geistig unterambitionierten Sprüche, wie man sie etwa auf dem großen Transparent am trostlosen ICC lesen muss:

„Dauert noch ein bisschen – aber wird mega!“

Das mag lässig gemeint sein. Tatsächlich wirkt es eher wie die Verwechslung von identitätsstiftender Kommunikation mit gedankenloser Dauerbespaßung. Angesichts der intensiven, bislang aber erfolglosen Investorensuche wirkt es vor allem ratlos.

Berlin muss besser funktionieren, nicht besser belehren

Was mich an beiden im Raum stehenden Initiativen im Kern stört: Sie trauen dem Verbot mehr zu als dem Menschen.

Berlin wird nicht besser, wenn man die Stadt moralisch immer weiter sortiert. Berlin wird besser, wenn man das Angebot für die multioptionale Gesellschaft praktisch verbessert.

Durch einen tatsächlich funktionierenden, besser ausgebauten ÖPNV. Durch ein vernünftig gestaltetes Miteinander von Radfahrern, Fußgängern und dem Autoverkehr. Durch kluge Stadtgestaltung statt pauschaler Werbeverachtung. Durch Konsequenz bei Vermüllung, Sicherheit und Regelverstößen. Durch Verlässlichkeit im Alltag statt durch immer neue ideologische Zielbilder.

Ich wünsche mir kein Berlin, das geschniegelt, geglättet und konfliktarm daherkommt wie eine Hochglanzbroschüre für urbanes Wohlbefinden.

Ich wünsche mir ein Berlin, das funktioniert. Eines, das sich seiner Freiheit bewusst ist und sie bewahrt. Eines, das Unterschiede nicht wegdesignt. Eines, das weder verwahrlost noch steril ist.

Denn die lebenswerte Stadt ist nicht die Stadt ohne Reibung.

Es ist die Stadt, die Freiheit aushält, auch wenn sie Reibung erzeugt.