Berlin wird. Wieder Berlin.
Zwei Slogans, ein Befund.
Es liest sich fast wie die Überschrift der nächsten Koalition.
Zumindest kam mir dieser Gedanke sofort, als ich die beiden neuen Wahlkampfslogans von CDU und SPD direkt hintereinander las. So harmonisch greifen sie ineinander: „Berlin wird.“ „Wieder Berlin.“ Das klingt fast schon nach einer gemeinsamen Dachzeile für die Fortsetzung von Schwarz-Rot. Nur ist diese Harmonie womöglich eher typografisch als politisch. Denn die Berliner SPD wirkt nicht nur geschwächt, sondern auch deutlich nach links gerückt und in ihrer eigenen Zuschreibung erkennbar verunsichert. Umso interessanter ist, dass beide Claims unfreiwillig mehr Wahrheit enthalten, als ihren Urhebern lieb sein kann.
Berlin schaltet in den Wahlkampfmodus. Das erkennt man zuverlässig daran, dass plötzlich Slogans in der Luft hängen, die größer klingen sollen als das, was politisch bislang erkennbar ist.
Die CDU sagt: „Berlin wird.“
Die SPD sagt: „Wieder Berlin.“
Man möchte fast antworten: Aha. Und bis dahin?
Beide Slogans erzählen weniger von Stärke als von einem Mangel. Wer sagt: „Berlin wird“, gibt zu erkennen, dass es offenbar noch nicht so weit ist. Und wer „Wieder Berlin“ fordert, räumt ein, dass diese Stadt irgendwo auf dem Weg etwas von sich selbst verloren haben muss.
Gerade darin liegt der Reiz dieser Wahlkampfrhetorik: Für sich genommen beschreibt jeder der beiden Slogans unfreiwillig erstaunlich präzise den Zustand dieser Stadt. Erst zusammengesetzt klingen sie nach Aufbruch. Einzeln gelesen wirken sie eher wie die sprachliche Diagnose eines politischen Sanierungsfalls.
Sind wir denn gerade nicht Berlin?
Der eigentliche Charme dieser beiden Claims liegt in ihrer unfreiwilligen Fallhöhe.
„Wieder Berlin“ klingt nämlich nur so lange halbwegs interessant, bis man kurz innehält und fragt: Sind wir denn im Moment Göttingen? Oder Hannover? Oder einfach eine längere Verwaltungsstörung mit U-Bahn-Anschluss?
Natürlich zielt der Satz auf ein Lebensgefühl. Auf jenes alte Berlin, das nie geschniegelt war, aber magnetisch. Nicht perfekt, aber voller Wucht. Eine Stadt, in der man das Gefühl hatte, dass genau hier etwas beginnt.
Das Problem ist nur: Wenn ausgerechnet die SPD diesen Ton anschlägt, klingt es ein wenig so, als würde der langjährige Betreiber eines Lokals nach Jahren mäßiger Führung vor die Tür treten und verkünden, man müsse den Laden nun endlich wieder in Schuss bringen. Die SPD hat Berlin über Jahrzehnte maßgeblich gestaltet und regiert auch heute mit. Wenn Berlin also „Wieder Berlin“ werden soll, liegt die höfliche Frage nahe, wer es zwischenzeitlich davon abgehalten hat.
Die CDU führt, aber eher aus Verlegenheit
Und die CDU wirbt mit einem Werden, das nach Tatkraft klingen soll, obwohl sie seit 2023 den Regierenden Bürgermeister stellt und vieles von dem, was die bürgerliche Mitte in dieser Stadt umtreibt, gerade nicht mit letzter Klarheit abräumt.
Ja, Kai Wegner könnte mit seiner CDU am Ende stärkste Kraft werden. Aber nicht zwingend deshalb, weil Berlin in Begeisterung für ihn ausgebrochen wäre. Sondern eher, weil vielen in der bürgerlichen Mitte, in der arbeitenden Stadtgesellschaft, bei Selbständigen, Eigentümern und Unternehmern derzeit kaum etwas anderes übrig bleibt.
Das ist kein Triumph. Das ist ein Vertrauensvorschuss aus Mangel an Alternativen. Und genau darin liegt auch sein Risiko: Wer nur versucht, den Vorsprung mit einer Art Ming-Vasen-Strategie möglichst unfallfrei ins Ziel zu tragen, kann es am Ende trotzdem verhageln — durch die eigene kommunikative Unschärfe, einen erstarkenden Gegner oder schlicht fehlende Koalitionsoptionen.
Genau darin liegt das Problem der Berliner CDU. Sie führt, aber sie prägt die Stimmung nicht wirklich. Sie könnte viel klarer die Stimme jener sein, die weder linke Ersatzutopien noch ideologische Dauererziehung wollen, sondern vor allem eine saubere, sichere, bezahlbare und funktionierende Stadt. Stattdessen regiert sie oft so, als wolle sie vor allem den Koalitionspartner nicht verärgern. Koalitionstaktisch mag das vernünftig erscheinen. Politisch wirkt es oft unerquicklich.
Der eigentliche Ärger sitzt tiefer
Denn der Unmut in dieser Stadt entzündet sich längst nicht nur an der üblichen Berliner Folklore aus Müll, Stau, Verwaltungsfrust und Dauerbaustellen.
Er sitzt tiefer.
Niemand, der wirtschaftlich Verantwortung trägt, Arbeitsplätze schafft, investiert, baut, vermietet oder in dieser Stadt unternehmerisch etwas wagt, kann ernsthaft Freude daran haben, wenn ausgerechnet unter einer CDU-geführten Regierung weiter über Instrumente verhandelt wird, die wie Misstrauensvoten gegen die eigene Stadtgesellschaft wirken.
Die geplante Ausbildungsplatzumlage ist dafür ein Beispiel. Politisch sendet sie vor allem eine Botschaft: Die Regierungskoalition traut den Betrieben erst einmal zu wenig zu und denkt lieber in Abgaben als in besseren Rahmenbedingungen. Dabei hat die Berliner Wirtschaft selbst in der längsten konjunkturellen Schwächephase seit zwei Jahrzehnten gezeigt, dass sie Verantwortung übernimmt: Allein in IHK und Handwerk stieg die Zahl der Ausbildungsverhältnisse von Ende 2023 bis Ende 2025 um knapp 1.100. Wer darauf mit Bürokratieaufbau und Straflogik reagiert, verwechselt Anerkennung mit Misstrauen und Politik mit Erziehungsmaßnahme.
Ebenso wenig leuchtet ein, warum ausgerechnet eine Koalition unter schwarzer Führung an einem Vergesellschaftungsrahmengesetz mitschreibt. Juristisch mag man vieles differenziert betrachten. Politisch beginnt das Problem aber schon bei den Begriffen. Ausbildungsplatzabgabe, Baumentscheid, Vergesellschaftungsrahmengesetz — all das wirkt auf die Stammklientel der CDU nicht wie kluge Regierungspolitik, sondern wie die Sprache des falschen Lagers. Und schlimmer noch: Es ist für die Lebenswelt vieler ganz normaler Berliner kaum noch vermittelbar. Wer einem Arbeitnehmer in Gropiusstadt oder einer Familie im Märkischen Viertel erklären soll, warum eine CDU so etwas mitträgt, merkt schnell, wie weit sich diese Sprache bereits von ihrem eigentlichen Markenkern entfernt hat. In der Summe bleibt deshalb vor allem ein irritierendes Signal: eine CDU, die in dieser Koalition immer wieder Botschaften mitträgt, die erkennbar nicht aus ihrer eigenen politischen DNA stammen.
Und die FDP? Unter „Andere“
Besonders ernüchternd ist dabei, dass ausgerechnet die Partei, die von der beschriebenen Schwäche und Unschärfe der CDU eigentlich am stärksten hätte profitieren können, auch in Berlin vollends von der Bühne verschwunden ist. Gerade jetzt gäbe es Raum für eine starke liberale Stimme: für weniger Bevormundung, mehr Freiheit, mehr wirtschaftliche Vernunft, mehr Respekt vor Eigenverantwortung. Stattdessen steht die FDP im Trend stabil bei wenigen Prozentpunkten und landet damit politisch in jener Kategorie, in der Umfragegrafiken diskret „Andere“ schreiben. So schwach, dass inzwischen selbst viele potenzielle Anhänger den Eindruck gewinnen dürften, eine Stimme für die FDP sei vor allem eines: eine verlorene Stimme.
Der Fall Sebastian Czaja macht die Misere der Berliner FDP eher sichtbar, als dass er sie erklärt. In der eigenen Partei offenkundig nicht mehr gewollt, verließ er sie mit der Begründung, nun Kai Wegner unterstützen zu müssen. Das wirkt weniger wie ein Signal bürgerlicher Geschlossenheit als das politische Verhalten eines Mannes, der sehr genau prüft, wo für ihn noch Anschlussfähigkeit, Einfluss oder im besten Fall ein Posten zu finden sein könnte. Die Berliner FDP mag das als bloße Personalie behandeln wollen. Wenn sich aber ihr früherer Fraktionschef, langjähriger Spitzenkandidat und stellvertretender Landesvorsitzender auf diese Weise verabschiedet, spricht das nicht nur für ihn. Es spricht vor allem Bände über den Zustand und die Entkernung der Freien Demokraten auch in der Hauptstadt.
Gebürtige Berliner als Pointe
Fast amüsant ist daneben ein anderer Befund. Betrachtet man die Spitzenkandidaten quer durch die im Abgeordnetenhaus aktuell vertretenen Parteien, dann geht es einem als gebürtigem Berliner inzwischen fast wie in den meisten Berliner Verbänden oder Gremien, wenn man einmal fragt, wer hier eigentlich wirklich aus dieser Stadt stammt: Es wird erstaunlich still.
Das ist selbstverständlich kein Makel. Berlin war immer auch eine Stadt der Zugezogenen und hat gerade daraus lange große Kraft gezogen. Aber ganz falsch ist der Gedanke eben auch nicht, dass Verwurzelung und ein tieferes Gefühl für die Eigentümlichkeit dieser Stadt in politischen Führungsrollen zumindest kein Nachteil wären.
Wenn man nur diesen Aspekt anlegte, bliebe unter den prominenten Spitzenfiguren am Ende tatsächlich allein Kai Wegner als gebürtiger Berliner übrig. Das ist keine Wahlempfehlung, aber doch eine hübsche Pointe in einer Stadt, die sonst so gern über Identität spricht.
Berlin braucht keine Slogans, sondern Verlässlichkeit
Am Ende wird diese Wahl ohnehin weder durch die Herkunft der Kandidaten noch durch die Schönheit von Slogans entschieden. Nicht durch „Berlin wird.“ und auch nicht durch „Wieder Berlin“.
Entscheidend ist, wer glaubhaft vermittelt, dass diese Stadt im Alltag wieder verlässlicher werden kann, ohne dabei ihren Eigensinn, ihre Freiheit und ihre Offenheit zu verlieren.
Berlin braucht keine Wahlkampfpoesie aus der Agenturhölle. Berlin braucht Richtung. Weniger Inszenierung, mehr Pragmatismus. Weniger moralisches Theater, mehr Verlässlichkeit im Alltag. Und klar erkennbare politische Profile.
„Wieder Berlin“ wäre womöglich schon dann erreicht, wenn Berlin wieder das schafft, was hier inzwischen fast revolutionär klingt: weniger versprechen und mehr davon halten.
Dann könnte aus „Berlin wird.“ vielleicht tatsächlich einmal mehr werden als nur ein unvollendetes Zukunftsversprechen.
