EXPO oder Olympia? Warum Berlin beides kann!
Berlin steht vor einer strategischen Weichenstellung. Mit einer möglichen Bewerbung für die Olympische Spiele und einer angestrebten EXPO 2035 werden derzeit zwei Großprojekte diskutiert, die weit über einzelne Veranstaltungen hinausreichen. Beide Vorhaben versprechen Impulse für Stadtentwicklung, Infrastruktur, Wirtschaft und internationale Sichtbarkeit.
Doch statt einer gemeinsamen Perspektive dominiert aktuell ein Ton, der aus zwei Zukunftsbildern ein Konkurrenzverhältnis macht.
Kein Entweder-oder
Berlin diskutiert EXPO und Olympia gerade so, als müsste sich diese Stadt zwischen zwei Visionen entscheiden. Ich halte das für grundfalsch.
Denn beides kann Berlin guttun: Eine EXPO als Impuls für Stadtentwicklung, Innovation und die Metropolregion. Olympische Spiele als Chance für Sichtbarkeit, Sportinfrastruktur und Modernisierung. Umso unverständlicher ist für mich, dass daraus ein Gegeneinander konstruiert wird.
Statt ernsthaft darüber nachzudenken, wie sich beide Vorhaben strategisch ergänzen könnten, werden Lager gebildet, Zuständigkeiten markiert und politische Eitelkeiten gepflegt. Genau so verspielt Berlin immer wieder Chancen, die gemeinsam größer wären als im Konkurrenzmodus.
Wer EXPO und Olympia gegeneinander ausspielt, erhöht am Ende vor allem die Wahrscheinlichkeit, dass Berlin keines von beidem bekommt.
Unterschiedliche Wahrnehmungen ernst nehmen
Gleichzeitig ist spürbar, dass beide Projekte unterschiedlich wahrgenommen werden.
Die EXPO wirkt stärker aus Stadtgesellschaft, Wirtschaft und Metropolregion heraus getragen. Sie erscheint vielen als Entwicklungsprojekt mit langfristigem Mehrwert für Flächen, Infrastruktur und Innovationsnetzwerke.
Olympia hingegen wird häufiger als top-down getriebenes Vorhaben wahrgenommen. Größer in der Geste, stärker in der Symbolik – aber schwächer in der gesellschaftlichen Verankerung.
Ob man diese Einschätzung teilt oder nicht: Man sollte sie ernst nehmen. Denn Großprojekte leben nicht von der Idee allein, sondern von der Akzeptanz in der Bevölkerung.
Das eigentliche Problem liegt tiefer
Mir geht es ausdrücklich nicht darum, das eine kleinzureden, um das andere großzumachen. Im Gegenteil: Ich würde mich freuen, wenn Berlin am Ende beides hinbekäme.
Doch dafür müsste diese Stadt endlich aufhören, aus zwei potenziell guten Ideen einen politischen Revierkampf zu machen.
Große Vorhaben brauchen Akzeptanz.
Akzeptanz entsteht nicht durch Inszenierung, sondern durch Glaubwürdigkeit.
Und Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo die Menschen den Eindruck haben: Es geht nicht um Prestige, sondern darum, dass Berlin danach besser funktioniert als vorher.
Die entscheidende Frage ist daher weniger, ob EXPO oder Olympia die bessere Idee ist. Die strategische Kernfrage lautet:
Warum gelingt es Berlin so oft nicht, zwei gute Ansätze zusammenzudenken?
Warum wird aus Koordination Konkurrenz?
Warum aus Ergänzung ein Lagerdenken?
Gerade in einer Stadt, die in vielen Bereichen strukturelle Herausforderungen hat – von Infrastruktur über Verwaltung bis Wohnungsbau –, müsste strategisches Denken eigentlich selbstverständlich sein.
Eine gemeinsame Linie statt vertaner Möglichkeiten
Berlin braucht bei solchen Zukunftsprojekten keine Rivalität, sondern eine gemeinsame Linie.
Eine EXPO könnte langfristige Entwicklungsflächen aktivieren, Innovationsstandorte stärken und die Metropolregion enger verzahnen. Olympische Spiele könnten Sportstätten modernisieren, internationale Aufmerksamkeit erzeugen und Investitionen beschleunigen. Beides ließe sich aufeinander abstimmen – zeitlich, räumlich, infrastrukturell.
Die Frage ist nicht, ob Berlin groß denken darf.
Die Frage ist, ob Berlin groß genug denken will, um zwei gute Ideen nicht gegeneinander, sondern miteinander zu entwickeln.
Sonst bleiben am Ende von zwei Chancen vor allem eins: vertane Möglichkeiten.
Ihr
Roman Kaupert
