Türme der VEB Elektrokohle im Museum Lichtenberg
In Lichtenberg ragen sie wie stille Zeitzeugen in den Himmel: die beiden verbliebenen Industrietürme des ehemaligen VEB Elektrokohle Berlin an der Herzbergstraße. Was einst Teil eines weitläufigen Produktionsstandortes war, ist heute ein Fragment – und zugleich ein markantes Stück Berliner Industriegeschichte.
Das Museum Lichtenberg widmet diesen „Geschwistertürmen“ nun eine eigene Ausstellung. Unter dem Titel „Industrietürme des ehemaligen VEB Elektrokohle“ zeigt die Berliner Fotografin Marlene Gawrisch ihre fotografische Dokumentation der Sanierungsarbeiten. Noch bis zum 5. April 2026 sind die Aufnahmen in der Türrschmidtstraße 24 zu sehen – bei freiem Eintritt.
Ein Ort mit industrieller Tiefenschärfe
Seit 1899 wurden am Standort Elektrokohlen produziert – für Lampen, Motoren, Brennöfen, Mikrofone und zahlreiche weitere technische Anwendungen. Während des Zweiten Weltkriegs mussten hier auch Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter arbeiten. 1954 erhielt der Betrieb den Namen VEB Elektrokohle Berlin und war Teil der DDR-Industrie.
Nach 1990 wurde das Gelände weitgehend zurückgebaut. Übrig blieben zwei hohe Türme, die in ihrer Form an mittelalterliche Geschlechtertürme norditalienischer Städte erinnern. In direkter Nachbarschaft zum Dong Xuan Center bilden sie heute einen Kontrast aus Vergangenheit und Gegenwart, aus industrieller Strenge und neuer Nutzung.
Einer der Türme wurde nach Entwürfen des Berliner Architekten Arno Brandlhuber saniert und zu Büroräumen umgebaut. Gawrisch hat diesen Prozess in all seinen Phasen begleitet – vom baulichen Eingriff bis zur architektonischen Transformation.
Fotografie als Dokument und Kommentar
Marlene Gawrisch, ausgebildet an der Ostkreuzschule für Fotografie bei Werner Mahler, arbeitet für Zeitungen, Stiftungen und Kulturinstitutionen. Ihre Bildsprache ist präzise, zurückhaltend und zugleich aufmerksam für Details. In der Ausstellung geht es nicht nur um Architektur, sondern um Schichtung: um Geschichte, Nutzung, Veränderung.
Die Fotografien zeigen Gerüste, rohe Betonflächen, Lichtstimmungen im Inneren der Türme. Sie machen sichtbar, was im Stadtbild oft übersehen wird: die Übergänge zwischen Abriss und Erhalt, zwischen wirtschaftlicher Verwertung und kulturellem Gedächtnis.
Was diese Ausstellung für Berlin bedeutet
Berlin ist eine Stadt, die sich permanent wandelt. Industriebrachen werden zu Bürostandorten, Kulturorten oder Wohnquartieren. Doch mit jedem Umbau stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit unserer Geschichte um?
Die Ausstellung im Museum Lichtenberg erinnert daran, dass Stadtentwicklung mehr ist als Neubauprojekte und Renditeerwartungen. Sie verweist auf die industrielle Prägung ganzer Bezirke, auf Arbeitsbiografien, auf Zwangsarbeit und politische Systeme. Gerade in Lichtenberg, wo viele Orte der DDR-Industriegeschichte noch präsent sind, ist dieser Blick wichtig.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet das: Identität entsteht nicht nur aus dem Hier und Jetzt, sondern auch aus dem, was war. Die Türme sind keine nostalgischen Kulissen, sondern reale, gebaute Geschichte. Ihre Sanierung zeigt, dass Erhalt und neue Nutzung kein Widerspruch sein müssen.
Ein Angebot mit Signalwirkung
Dass der Eintritt frei ist, ist mehr als eine Geste. Es unterstreicht den Anspruch, Stadtgeschichte niedrigschwellig zugänglich zu machen. Wer durch die Ausstellung geht, blickt nicht nur auf Fotografien, sondern auf einen Teil Berliner Selbstverständnisses: Industrie, Brüche, Neuanfänge.
Geöffnet ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr.
Mit der Präsentation der „Industrietürme des ehemaligen VEB Elektrokohle“ setzt das Museum Lichtenberg ein Zeichen: Die Geschichte der Stadt liegt nicht nur im Zentrum. Sie steht auch in Lichtenberg – aus Beton, Stahl und Erinnerung.
