Fentanyl in Berlin: Gefährliche Drogen-Entwicklung

Krankenwagen in Berlin
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Berlin reagiert auf eine besorgniserregende Entwicklung im Drogenbereich: Fast sechs Menschen pro Woche sterben in der Hauptstadt infolge des Konsums illegaler Substanzen – häufig im Zusammenhang mit Opioiden. Angesichts der zunehmenden Verbreitung hochpotenter synthetischer Opioide wie Fentanyl und Nitazenen baut das Land seine Strukturen zur Früherkennung und Krisenvorsorge gezielt aus.

Die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege setzt dabei auf eine eng abgestimmte Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Suchthilfe, Sicherheitsbehörden und medizinischen Einrichtungen. Ziel ist es, Risiken früher zu erkennen, Informationswege zu beschleunigen und im Ernstfall koordiniert handeln zu können.

Gefahr durch hochpotente Substanzen

Synthetische Opioide gelten als besonders riskant. Fentanyl ist um ein Vielfaches stärker wirksam als Heroin. Bereits kleinste Mengen können tödlich sein. Nitazene, eine Gruppe synthetischer Opioide, treten europaweit verstärkt auf und werden teils unbemerkt anderen Substanzen beigemischt. Für Konsumierende erhöht sich dadurch das Risiko einer Überdosierung erheblich, da die tatsächliche Wirkstoffkonzentration kaum abschätzbar ist.

Auch in Berlin beobachten Fachstellen eine wachsende Dynamik auf dem illegalen Markt. Während klassische Drogen wie Heroin seit Jahrzehnten bekannt sind, stellen neue synthetische Stoffe Hilfesysteme und Sicherheitsbehörden vor zusätzliche Herausforderungen. Ihre Zusammensetzung ändert sich häufig, sie sind leichter zu transportieren und in sehr kleinen Mengen hochwirksam.

Runder Tisch bringt Berliner Akteure zusammen

Um dieser Entwicklung strukturiert zu begegnen, wurde im April 2025 erstmals der Runde Tisch „Synthetische Opioide“ einberufen. Beteiligt sind unter anderem Träger niedrigschwelliger Suchthilfeangebote, Polizei und Landeskriminalamt, die Berliner Feuerwehr, eine Notaufnahme, die Charité sowie Vertretungen der Wohnungsnotfallhilfe.

Dieses breite Bündnis spiegelt wider, wie vielschichtig das Thema ist. Drogenkonsum ist nicht nur eine gesundheitliche Frage, sondern auch eine soziale und sicherheitsrelevante Herausforderung. Besonders betroffen sind häufig Menschen in prekären Lebenslagen oder ohne festen Wohnsitz. Kommt es zu einer Häufung besonders gefährlicher Substanzen, müssen Notaufnahmen, Rettungsdienste und Streetworker schnell informiert werden.

Landesknotenpunkt im Frühwarnsystem geplant

Berlin strebt zudem die Einrichtung eines Landesknotenpunkts im Nationalen Frühwarnsystem NEWS an. Dieses bundesweite System soll neue psychoaktive Substanzen und akute gesundheitliche Gefahren zeitnah erfassen, bewerten und relevante Stellen informieren.

Ein solcher Knotenpunkt würde es ermöglichen, Erkenntnisse aus Polizei, Zoll, Laboranalysen, Rettungsdiensten und Suchthilfe zusammenzuführen. Wenn beispielsweise gehäuft Überdosierungen mit ähnlichen Symptomen auftreten, könnten Gegenmaßnahmen schneller eingeleitet werden – von gezielten Warnhinweisen in Szenetreffs bis hin zur Anpassung medizinischer Notfallprotokolle.

Projekt „so-par“ in Berlin-Mitte

Unterstützt wird dieser Prozess durch das Projekt „so-par“ (Synthetic Opioids Prepare and Response), das von der Deutschen Aidshilfe und dem Deutsch-Europäischen Forum für Urbane Sicherheit getragen und im Bezirk Mitte umgesetzt wird. Dort fand Anfang März ein Workshop zur Entwicklung eines systematischen Lagebildes statt.

Ein solches Lagebild bündelt Daten, klärt Zuständigkeiten und definiert Kommunikationswege für den Ernstfall. Für eine Metropole wie Berlin mit rund 3.900.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist eine datenbasierte Übersicht entscheidend, um Veränderungen im Drogenmarkt frühzeitig zu erkennen. Die gesammelten Erkenntnisse sollen in das bundesweite Monitoring einfließen, das derzeit von Bund und Ländern aufgebaut wird.

Gesundheitssenatorin Dr. Ina Czyborra betont, dass mit dem Projekt und dem systematischen Monitoring der Gesundheitsschutz konkret gestärkt werde. Auch der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Dr. Hendrik Streeck, hebt die Bedeutung eines funktionierenden Frühwarnsystems hervor: Gefährliche Substanzen ließen sich nur bekämpfen, wenn bekannt sei, was tatsächlich im Umlauf ist.

Bedeutung für Berlin und seine Stadtgesellschaft

Für Berlin hat die Thematik eine besondere Relevanz. Die Stadt verfügt über etablierte niedrigschwellige Hilfsangebote, Drogenkonsumräume und eine aktive Suchthilfe. Gleichzeitig ist sie als internationale Metropole Umschlagplatz und Experimentierfeld neuer Substanzen.

Ein effektives Frühwarnsystem kann dazu beitragen, Todesfälle zu verhindern, Rettungskräfte gezielter einzusetzen und Beratungsangebote anzupassen. Auch für Angehörige von Konsumierenden schafft Transparenz über Risiken mehr Sicherheit.

Langfristig geht es nicht allein um Reaktion im Krisenfall, sondern um strukturelle Prävention: bessere Vernetzung, klare Informationsketten und eine Drogenpolitik, die gesundheitliche Risiken in den Mittelpunkt stellt. Angesichts von fast sechs drogenbedingten Todesfällen pro Woche wird deutlich, dass es sich nicht um ein Randthema handelt, sondern um eine drängende Herausforderung für die gesamte Stadtgesellschaft.