Berlin will Europas FinTech-Metropole werden

FIBE Berlin 2026
Impression von der FIBE Berlin 2026 (Foto: Messe Berlin GmbH)

Berlin richtet seinen wirtschaftspolitischen Blick erneut nach London: Vom 19. bis 21. April 2026 reist Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey mit einer Delegation Berliner FinTech-Unternehmen in die britische Hauptstadt. Anlass ist die „UK FinTech Week“, eine der wichtigsten europäischen Branchenveranstaltungen für digitale Finanztechnologien. Für Berlin geht es dabei um mehr als symbolische Präsenz. Die Reise ist Teil einer strategischen Positionierung als führender FinTech-Standort auf dem europäischen Kontinent – mit direkten Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Investitionen und die digitale Infrastruktur der Stadt.

London gilt mit rund 10,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in der Metropolregion als größter Finanzplatz Europas und als globales Zentrum für Finanzdienstleistungen und Technologie. Bei der jährlich stattfindenden „Innovate Finance Global Summit“ kommen über 1.500 Teilnehmende aus mehr als 70 Ländern zusammen. Themen wie Künstliche Intelligenz im Finanzsektor, digitale Zahlungsmodelle, Cybersicherheit und regulatorische Entwicklungen stehen im Mittelpunkt – also genau jene Felder, in denen auch Berliner Unternehmen zunehmend aktiv sind.

FinTech als Wachstumsmotor der Hauptstadt

Die Delegationsreise erfolgt unmittelbar nach der FIBE – dem Fintech Festival Berlin –, das jüngst die Dynamik der Branche in der Hauptstadt unterstrich. Rund 12.300 Beschäftigte arbeiten derzeit in Berlin in FinTech-Unternehmen. Zwei Drittel des in Deutschland investierten Venture Capitals fließen inzwischen in die Hauptstadt. Diese Zahlen zeigen, dass Berlin längst nicht mehr nur Start-up-Spielwiese ist, sondern sich zu einem Kernstandort digitaler Finanzwirtschaft entwickelt hat.

Mit dem Berlin House of Finance and Tech hat das Land Berlin eine zentrale Plattform geschaffen, um die Branche strategisch weiterzuentwickeln und international zu vernetzen. In den Jahren 2024 und 2025 wurden hierfür über 3,5 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln eingesetzt. Ziel ist es, Gründungen zu unterstützen, Investitionen anzuziehen und die Zusammenarbeit mit etablierten Finanzakteuren zu intensivieren.

Franziska Giffey formuliert den Anspruch selbstbewusst: Berlin solle das „London des europäischen Kontinents“ werden. Während Frankfurt am Main bislang als wichtigster Bankenstandort Deutschlands gilt, setzt Berlin auf FinTech und Künstliche Intelligenz als künftige Treiber. Die Strategie ist klar: weniger traditionelle Filialbanken, mehr technologiegetriebene Finanzdienstleistungen.

Markteintritt erleichtern, Netzwerke stärken

Für die mitgereisten Unternehmen – darunter UnitPlus, beatvest, Credibur, IDnow, Smartbroker+, banxware oder Pliant – bietet die Reise die Chance, Kontakte zu Investoren, Regulierungsbehörden und Partnern zu knüpfen. Gerade nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs ist der Marktzugang komplexer geworden. Umso wichtiger sind direkte Gespräche und institutionelle Kooperationen.

Das Vereinigte Königreich bleibt ein bedeutender Außenwirtschaftspartner für Berlin. Im Jahr 2025 lag es auf Platz 7 der wichtigsten Exportmärkte der Hauptstadt. Das Exportvolumen betrug rund 738 Millionen Euro, die Importe beliefen sich auf rund 339 Millionen Euro. Besonders in den Bereichen Dienstleistungen, Maschinenbau und High-Tech bestehen enge Verflechtungen. Für Berliner FinTechs eröffnet der Londoner Markt nicht nur Zugang zu Kapital, sondern auch zu international erfahrenen Kundinnen und Kunden.

Die Reise knüpft zudem an die seit dem Jahr 2000 bestehende Städtepartnerschaft zwischen Berlin und London an. Bereits 2019 vereinbarten Berlin Partner und die Londoner Wirtschaftsförderung London & Partners in einem Memorandum of Understanding eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die aktuelle Delegationsreise ist somit auch Ausdruck langfristiger Standortpolitik.

Resilienz und Cybersicherheit im Fokus

Ein weiterer Schwerpunkt der Reise liegt auf der Resilienz moderner Metropolen. Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Londoner Stadtregierung thematisieren den Schutz kritischer Infrastrukturen – etwa vor Cyberangriffen oder hybriden Bedrohungen. Gerade Finanztechnologien sind sensible Systeme: Digitale Zahlungsströme, Identitätsprüfungen oder Kreditvergaben sind heute hochgradig vernetzt und potenziell angreifbar.

Für Berlin bedeutet dies, dass die wirtschaftliche Entwicklung des FinTech-Sektors Hand in Hand mit Investitionen in IT-Sicherheit, Regulierungskompetenz und Krisenvorsorge gehen muss. Die Sicherheit digitaler Prozesse betrifft nicht nur Unternehmen, sondern unmittelbar auch Verbraucherinnen und Verbraucher in der Stadt.

Was die Strategie für Berlin bedeutet

Die Reise nach London ist Teil einer breiteren wirtschaftspolitischen Strategie: Berlin will sich als Innovationsstandort mit internationaler Strahlkraft etablieren. Für die Stadtbewohnerinnen und -bewohner ist das kein abstraktes Ziel. Eine wachsende FinTech-Branche schafft hochqualifizierte Arbeitsplätze, stärkt das Steueraufkommen und kann neue Ausbildungs- und Studienangebote anstoßen.

Zugleich verändert das Wachstum digitaler Finanzdienstleister das Profil der Stadt. Wo früher Industrieareale oder Bürokomplexe leer standen, entstehen heute Innovationszentren und Co-Working-Spaces. Internationale Fachkräfte ziehen nach Berlin, Investoren engagieren sich verstärkt am Standort. Das erhöht die wirtschaftliche Dynamik – stellt die Stadt aber auch vor Herausforderungen, etwa beim Wohnraum und bei der Infrastruktur.

Ob Berlin tatsächlich zum führenden FinTech-Standort des europäischen Kontinents aufsteigt, wird sich nicht allein auf Konferenzen entscheiden. Ausschlaggebend sind verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, schnelle Verwaltungsprozesse, digitale Infrastruktur und internationale Talente. Die Reise zur UK FinTech Week ist daher weniger ein symbolischer Akt als vielmehr ein Baustein in einem langfristigen Wettbewerb der Metropolen.

Berlin positioniert sich selbstbewusst. Für die Hauptstadt geht es um die Frage, welche Rolle sie in der digitalen Ökonomie Europas einnehmen will – als kreativer Ideengeber oder als führendes Finanz- und Technologiezentrum. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob der Anspruch, das „London des europäischen Kontinents“ zu werden, wirtschaftliche Realität wird.