Mikroelektronik: Berlins Schlüssel zur Souveränität
Ohne Mikroelektronik läuft nichts – weder künstliche Intelligenz noch Elektromobilität, weder moderne Medizintechnik noch vernetzte Industrieanlagen. Eine neue Studie der Technologiestiftung Berlin, gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, nimmt nun die Rolle der Hauptstadt im globalen Halbleiter-Ökosystem in den Blick. Unter dem Titel „Berliner Beitrag zur technologischen Souveränität in der Mikroelektronik“ analysieren die Verfasser, wo Berlin steht, welche Abhängigkeiten bestehen und wie sich der Standort strategisch weiterentwickeln kann.
Technologische Souveränität als Standortfrage
Spätestens seit den Lieferengpässen der vergangenen Jahre ist deutlich geworden, wie verletzlich globale Wertschöpfungsketten sind. Halbleiter sind zu einem geopolitischen Faktor geworden. Technologische Souveränität bedeutet dabei nicht Abschottung, sondern die Fähigkeit, in internationalen Netzwerken handlungsfähig zu bleiben und zentrale Kompetenzen im eigenen Einflussbereich zu sichern.
Für Berlin ist das mehr als ein industriepolitisches Schlagwort. Die Hauptstadt versteht sich als Innovationsmetropole mit starker Wissenschaftslandschaft, agiler Start-up-Szene und wachsender Deep-Tech-Industrie. Die Studie zeigt: In der Mikroelektronik spielt Berlin im europäischen Vergleich eine spezifische, aber strategisch relevante Rolle.
Kein Chipwerk – aber viel Wertschöpfung
Berlin ist kein Standort für die großindustrielle Halbleiterfertigung im sogenannten Frontend, also dort, wo Siliziumwafer zu Chips verarbeitet werden. Stattdessen liegt die Stärke der Region in der Weiterverarbeitung – und genau diese ist besonders wertschöpfungsintensiv.
Die Studie verweist auf mehrere Kompetenzfelder, in denen Berlin im europäischen Kontext sichtbar ist:
Im Backend Manufacturing werden gefertigte Chips getestet, vereinzelt und für den Einsatz vorbereitet. Beim Advanced Packaging geht es darum, mehrere Chips in einem hochkompakten Gehäuse so zu verbinden, dass Leistungsfähigkeit und Energieeffizienz steigen. Die Mikrointegration bündelt unterschiedliche elektronische und funktionale Komponenten zu einsatzfähigen Modulen. Hinzu kommt die Photonik, also die Nutzung von Licht für schnelle Datenübertragung und präzise Sensorik – ein Feld mit hoher Bedeutung für Kommunikationstechnologien und Medizintechnik.
Gerade im Advanced Packaging sieht die Studie erhebliches Zukunftspotenzial. Hier entstehen Grundlagen für Anwendungen in künstlicher Intelligenz, Hochleistungsrechnen oder perspektivisch auch im Quantencomputing. Berlin könne, so die Analyse, insbesondere beim Transfer zwischen Forschungseinrichtungen und Industrie punkten.
Forschung trifft Industrie
Mit Einrichtungen wie der Technischen Universität, der Humboldt-Universität, der Freien Universität, mehreren Fraunhofer-Instituten und weiteren außeruniversitären Forschungsträgern verfügt Berlin über eine dichte Forschungslandschaft. Gleichzeitig hat sich eine wachsende Zahl spezialisierter Unternehmen angesiedelt, die Chips integrieren, modulare Systeme entwickeln oder photonische Lösungen vorantreiben.
Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, bezeichnet die Mikroelektronik als „Rückgrat der Digitalisierung“. Die Studie analysiere Stärken und Schwächen des Standorts und leite konkrete Ansätze ab, um die Branche in Berlin gezielt zu stärken.
Auch Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey betont die strategische Dimension. Die Mikroelektronik sei eine Schlüsseltechnologie für Industrie, Wachstum und Souveränität. Das Land Berlin kofinanziert daher ein Förderprogramm zur Stärkung von Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien, um die Wertschöpfung am Standort auszubauen und die Resilienz der Wirtschaft zu erhöhen.
Warum das für Berlin wichtig ist
Die Bedeutung der Studie reicht über die Fachbranche hinaus. Mikroelektronik ist Querschnittstechnologie – sie beeinflusst nahezu alle Zukunftsfelder, die auch für Berlin identitätsstiftend sind: Health-Tech, Greentech, Mobilität, Smart City, Sicherheitstechnologien und nicht zuletzt die Kreativ- und Digitalwirtschaft.
Eine stärkere Positionierung in der Weiterverarbeitung von Chips kann die Ansiedlung weiterer Hightech-Unternehmen begünstigen, hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen und sichern, Start-ups bessere Kooperationsmöglichkeiten mit Forschungseinrichtungen bieten, Berliner Industrieunternehmen unabhängiger von globalen Engpässen machen.
Für die Stadtgesellschaft bedeutet das langfristig stabile Wertschöpfung, Innovationskraft und Steuereinnahmen, die wiederum in Infrastruktur, Bildung und soziale Projekte fließen können. In einer wachsenden Metropole mit hohem Investitionsbedarf ist das ein zentraler Faktor.
Ein europäisches Puzzle mit Berliner Baustein
Die europäische Halbleiterstrategie – eingebettet in Initiativen wie den „EU Chips Act“ – setzt auf regionale Spezialisierung. Während andere Standorte große Chipfabriken aufbauen, könnte Berlin seine Rolle als Knotenpunkt für Integration, Veredelung und Anwendungstechnologien ausbauen. Die Studie empfiehlt daher, bestehende Netzwerke gezielt zu stärken und eine klare Schwerpunktsetzung vorzunehmen, statt Ressourcen zu verzetteln.
Damit verbunden ist auch die Frage nach Flächen, Fachkräften und Geschwindigkeit in Genehmigungsverfahren. Hightech-Wachstum braucht Labore, Reinräume und industrielle Infrastruktur – also genau jene Faktoren, die in einer dicht bebauten Stadt wie Berlin strategisch geplant werden müssen.
Offene Digitalpolitik als Standortvorteil
Die Technologiestiftung Berlin verfolgt einen gemeinwohlorientierten Ansatz der Digitalisierung mit offenen Daten, offenen Quellcodes und zugänglicher Hardware. Diese Kultur der Kooperation kann sich als Standortvorteil erweisen – gerade in einem Sektor, der global vernetzt und zugleich sicherheitspolitisch sensibel ist.
Die nun vorgelegte Studie liefert dafür eine faktenbasierte Grundlage. Sie zeigt: Berlin ist kein Randakteur, sondern ein spezialisierter Baustein im komplexen Gefüge der Mikroelektronik. Wenn es gelingt, Forschung, Industrie und Politik strategisch zu verzahnen, kann die Hauptstadt ihren Beitrag zur technologischen Souveränität Europas deutlich ausbauen.
Für die Berlinerinnen und Berliner ist das eine abstrakt klingende, aber sehr konkrete Zukunftsfrage: Wer die Schlüsseltechnologien mitgestaltet, gestaltet auch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der kommenden Jahrzehnte.
